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Kein Weg zurück - 06.06.2008
X-Zeilen - die monatliche Kolumne
von Sead Husic.
In den Jahren 92 bis 95 lebten viele bosnische Flüchtlinge in Traunstein.
Sie waren vor dem Krieg geflohen und fanden hier, in dem kleinen oberbayerischen Städchen, eine zeitlang Sicherheit und Ruhe. Einer von
ihnen war Haris. Ein schlacksiger Junge, der immer breit lachte, obwohl es
oft nicht viel zu Lachen gab.
Er spielte mit mir im 1. FC Traunstein Fussball und spielte schöne Pässe.
Und wenn er von den ehrgeizigen Spielern, die in diesem Verein seit sie sechs Jahre alt waren kickten, von den Beinen mit einer üblen Grätsche geholt wurde, dann lächelte er und nahm die unbillige Härte den Mitspielern nicht krumm.
Irgendwann im Winter 1996 war Haris dann nach Amerika entschwunden. Jahre
vergingen und ich wusste nicht, was aus Haris geworden ist. Vor einigen Wochen traf dann eine Mail von ihm ein. Er habe geheiratet, lebe in Nevada und erinnere sich manchmal an Traunstein. Viel mehr schrieb er nicht.
Ich sehe ihn vor mir: Ein 21 Jahre alter Junge mit glatten, braunen Haaren, die ihm ins Gesicht hängen. Er geht auf der Straße mit den aufgeplatzten Narben in langsamen, nachdenklichen Schritten an der geduckten Bäckerei im Auviertel vorbei, lächelt, und denkt nicht an morgen.
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Auf
dem Titel - 30.09.2007
X-Zeilen - die monatliche Kolumne
von Sead Husic.
Einer
der größten und einflussreichsten bosnischen Polit-Magazine
„Slobodna Bosna“ (Freies Bosnien) hat mich aufs Cover gehoben.
Daneben steht die Schlagzeile: „Alija war anders.“ Grund
für das Interesse an meiner Person ist mein Buch über die
drei Balkanführer Milosevic, Tudjman und Izetbegovic. Mein Halbbruder,
Ahmed, rief mich an und sagte mit zitternder Stimme: „Ich kann
es kaum glauben, ich halte das Magazin in meiner Hand, ich bin so stolz
auf dich.“ Ahmed arbeitet in Grevenbroich - der Bundesstadt der
Energie - mit hunderten anderen Kontingentarbeitern auf einer Megabaustelle.
Hier baut ein deutscher Energiegigant Deutschlands größtes
Kohlekraftwerk. Von weitem sind die Baukräne und Gerüste zu
sehen, ein Bau, neben dem Menschen klein wie Ameisen sind. Wird eine
Ameise krank, muss sie zurück ins Heimatland. So sind die Regeln.
Ahmed wollte studieren. Ich erinnere mich an ihn als ich neun Jahre
alt war: er war ein junger, smarter Mann von 19 Jahren, war gerade zurück
gekehrt aus Novi Sad, wo er seinen Militärdienst in der Jugoslawischen
Volksarmee geleistet hatte.
Bauingenieur wollte er werden. Es kam dann anders. Vater wollte ihm
kein
Studium bezahlen und Ahmed suchte sich einen Job. Heute studiert Ahmeds
älteste Tochter Germanistik in Tuzla. Er rief sie von der Baustelle
in
Grevenbroich an und sagte, sie solle „Slobodna Bosna“ kaufen.
Sie zeigte
es ihren Kommilitonen. Ihr Halbonkel ist auf dem Titel. |
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Trophäe des Krieges - 30.08.2007
X-Zeilen - die monatliche
Kolumne von Sead Husic.
Im
Sommer 1992 wimmelte es in Zagreb vor Soldaten, Journalisten, Flüchtlingen,
Uno-Mitarbeitern, internationalen Helfern, die für den grünen
Halbmond, das Rote Kreuz, Cap Anamur arbeiteten. Akronyme ohne Ende.
Die Stadt vibrierte und es gab keinen ruhigen Ort. Überall waren
die Zeichen des Krieges im benachbarten Bosnien sichtbar.
Das Heckteil
Verwundete junge Männer, traurige Frauen mit ihren Kindern zogen
durch die Straßen und hatten kein Ziel. Ich war achtzehn Jahre
alt und dumm genug, um auf eigene Faust über Zagreb nach Bosnien
zu reisen, mir selbst ein Bild vom Grauen zu machen. Aufgeregt fotografierte
und filmte ich, was der Krieg
inszenierte. Im Zagreber Zentrum war das abgerissene Heckteil eines
abgeschossenen jugoslawischen Kampfjets ausgestellt. Nur Wochen zuvor
hatte die kroatische Armee den "Jastrijeb" (Adler) abgeschossen.
Auf Reisen
Nun präsentierten sie das Wrackteil stolz als eine Trophäe
des Krieges.
Fünfzehn Jahre später fahre ich mit dem Auto auf dem Autoput
nach Bosnien
und plötzlich taucht vor mir ein Sattelschlepper der kroatischen
Armee
auf, der eben jenes Heckteil, jene Trophäe des Krieges, auf der
die
jugoslawische Fahne zu sehen ist, transportiert. Wohin sie die Heckflosse
des Jastrijeb brachten, habe ich noch nicht herausgefunden. Wahrscheinlich
wird sie irgendwo ausgestellt. Ich schoss ein Foto. Die Fahrer in den
Begleitfahrzeugen winkten mir zu. Ich winkte zurück. |
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Lachen
und Weinen - 07.07.2007
X-Zeilen - die monatliche Kolumne von Sead Husic.
Es
ist eben so, dass Freude und Trauer, Spaß und Ernst, dass Grausamkeit,
Mitleid nahe beieinander liegen. Am 16. Juni fuhr ich zu einer Massenbeerdigung
nach Brcko. Einer in der Weltgeschichte bedeutungslosen Stadt, die aber
während des Bosnienkrieges von 1992 bis 1995 immer wieder mal in
der internationalen Presse auftauchte. Weil Serben und Muslime um Brcko
kämpften. Für die Greuel, die dort verübt wurden, gibt
es keine Worte.
Mord
Im Mai 92 marschierten serbische Soldaten in Brcko ein, töteten
mehrere hundert Männer und Frauen, die zur gesellschaftlichen Elite
der Stadt zählten. Die meisten Leichen verscharrten die Soldaten
von Karadzic und Mladic in Massengräbern. Nach dem Krieg buddelten
Unbekannte die Überreste der Opfer um. Mehrmals. Eine in der Serbischen
Republik gängige Praxis, um die Massenmorde zu vertuschen. Nach
dem Motto: Wo keine Leiche, da kein Verbrechen. Vor einem Jahr wurde
das Massengrab dann doch entdeckt. Mit DNA-Analysen identifizieren Pathologen
die Überreste. Der Verein zur Suche der Vermissten in Brcko organisiert
die Massenbeerdigung. Zehntausende Menschen aus ganz Bosnien und Emigranten
aus der ganzen Welt strömen in die kleine Stadt.
Die Hose rutscht
Und dann stehen sie da. Schauen ernst und traurig. Weil sie an einem
der vielen bitteren Orte der Welt stehen. Stehen müssen. Der Muezzin
betet. Nur seine Stimme ist zu hören. Plötzlich, inmitten
einer Gruppe alter Männer Lachen. Einer von ihnen sagt, dass er
nicht beten kann, weil seine Hose beim Aufstehen rutscht. Niemand nimmt
es ihm Übel. Es ist ein Wunder, dass er überhaupt noch Worte
hat. Sein Sohn verschwand im Mai 92 und wurde bis heute nicht gefunden.
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